Der Glaube hat mir den Arsch gerettet
Es ist Freitag Abend. Das Feuer wärmt und knistert vor sich hin. Eine Feuerschale, mitten in Berlin, vor einer Kirche. Die Kirchentüren stehen weit offen. Es ist der Freitagabend vorm Totensonntag. Und Ewigkeitssonntag.
Heute ist Abschiedsritual. Wir haben in der Kirche Stationen aufgebaut, damit Menschen Abschied feiern können. Von Menschen, Beziehungen, Lebensabschnitten, … Um sich inneren Prozessen hingeben zu können. Um Gott näher zu kommen und auch sich selbst.
Auch ich habe 18 Monate hinter mir, in denen ich mich verabschieden musste. Von vier Menschen, die eine lange Zeit mein Leben bedeuteten. Von Lebensvorstellungen. Ich habe vor Abgründen gestanden. Oft habe ich überlegt, wo ich runterspringe. Einmal fand ich mich mit Messer in der Hand wieder, die Schneide an den Pulsadern. Es war Überleben von Tag zu Tag. Als meine Abgründe so tief waren, dass ich nicht weiter wusste, habe ich mich stundenlang in die Kirche gesetzt. Jesus am Kreuz angestarrt, geweint, Gott verflucht. Bis ich nicht mehr konnte.
Dann bin ich auf die Knie gesunken. Und habe mich hingegeben. Dem Leben. Und Gott. Und habe angefangen, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Dort wurde mir die Gnade und der Frieden Gottes versprochen. Daran habe ich mich geklammert. Freitags in den Andachten, montags in der Bibelstunde, donnerstags im Taizé-Gottesdienst.
Nach 9 Monaten beten, sitzen und lauschen, Todessehnsucht, Kampf, Demut und Hingabe, habe ich Kontakt zur Pfarrerin aufgenommen und meine Hilfe angeboten. Von da an war ich diejenige, die in regelmäßigen Abständen die Kirche aufschloss, damit Menschen sich reinsetzen können. Sein können, mit Gott, mit Kreuz und Jesus dran.
Der Glaube hat mir den Arsch gerettet. Ohne die Kirche, die Gottesdienste, Gott und Jesus, ohne Anna, die Pfarrerin, wäre ich irgendwann gesprungen. Oder hätte das Messer wirklich benutzt.
Jetzt weitere sechs Monate später habe ich zusammen mit drei Pfarrer:innen ein Abschiedsritual angeboten. Workshop hieß das zu Siemens Zeiten. Damals Büroräume, heute Kirche.
Menschen konnten Abschiedsbriefe schreiben, Sorgen ins Feuer werfen, von Abschieden lesen, Kerzen anzünden, Bitten an Gott auf dem Altar hinterlassen und mein Favorit: jeder konnte sich segnen lassen. Das ist ein zutiefst geniales Gefühl, im 1:1 den Segen Gottes zu empfangen. Besser als jeder Karrieresprung und jede Gehaltserhöhung. Jede Immobilie oder erfolgreicher Trade an der Terminbörse.
In der letzten Woche hat der Gemeindekirchenrat meinen Wiedereintritt in die evangelische Kirche bestätigt. Ich bin jetzt angekommen. Ich habe meine Ausrichtung gefunden. Ich will nirgends mehr runterspringen. Der Friede Gottes ist in mich eingekehrt.
Der Glaube hat mir den Arsch gerettet
Dezember 8, 2025
